Schachtelhalmkiefer, Wolfsspinne und Co. – Fundstücke des Jahres 2022

Kristina Basenau und Jürgen Eggers – NABU Hermannsburg/Faßberg e.V.

An welches besondere Naturerlebnis aus Ihrer Kindheit können Sie sich noch erinnern? Bei mir war es eine Waldeidechse, die in größter Not das Ende ihres Schwanzes abwarf, der dann allerdings noch einige Sekunden als Miniaturschlange auf dem Waldboden zappelte!

Mit diesem Trick lenkte das sich selbst amputierende Reptil den verblüfften Angreifer ab und flüchtete im gleichen Moment ins Heidekraut am Allerberg in Müden (Örtze). Das war in den 1970er Jahren. Durch Monokulturen, Pestizide und Verlust wertvoller Lebensräume werden solche Naturerlebnisse leider immer seltener.

Kristina Basenau und Jürgen Eggers
Kristina Basenau und Jürgen Eggers
Foto: Jürgen Eggers

Der bekannte Ornithologe und langjähriger Leiter der Vogelwarte Radolfzell Peter Berthold entwickelte bereits im Jahr 1988 ein Konzept zum Erhalt der Artenvielfalt in Deutschland.

Der Grantler mit dem gewaltigen Rauschebart schlug die Neuanlage und Vernetzung von tausenden Biotopen quer durch die Republik vor. Damit könnte die Artenvielfalt auf den Stand der 1950er Jahre angehoben werden. In den Jahrzehnten danach sind beispielsweise schockierende 90 % der Rebhühner aus unserer übernutzten Kulturlandschaft verschwunden.

Zur Realisierung dieses nationalen Naturschutzprojektes müssten allerdings 1.000.000.000 Euro investiert werden. Also etwa ein Drittel des staatlich finanzierten „Tankrabatts“, der die Spritpreise von Juni bis August 2022 etwas senken soll. Man muss eben Prioritäten setzen …

Rätselhafte Schachtelhalmkiefer

Januar: Ich kenne dieses Waldstück schon seit meiner frühen Kindheit, aber erst jetzt fällt mir diese merkwürdig gewachsene Waldkiefer (Pinus sylvestris) auf. Die abstehenden Ringe an der Borke springen doch sofort ins Auge! Warum ist dieser Baum so artuntypisch gewachsen?

  • Wurde der Stamm über viele Jahre durch abgespannte Drahtseile eingeschnürt?
  • Steckt eine Wachstumsstörung durch Wassermangel hinter den Stauchungsringen?
  • Hat sich ein übereifriger Specht als Bildhauer versucht?

Das Foto habe ich einem Forstwissenschaftler und bekannten Youtuber („EinMannimWald“) zugesendet. Der bärtige Hutträger vom Nordrand des Schwarzwaldes hat bisher auch keine überzeugende Antwort für das Phänomen gefunden und dafür die treffende Benamsung „Schachtelhalmkiefer“ erfunden. Video ab 16:48 Minuten.

Ringförmig abstehende Borke an einer Waldkiefer
Ringförmig abstehende Borke an einer Waldkiefer
Foto: Jürgen Eggers

Habe ich vielleicht eine botanische Sensation entdeckt? Die Übergangsform vom prähistorischen, bis zu 30 Meter hohen, schon vor über 300 Millionen Jahren lebenden und heute leider als Steinkohle ausgebuddelten, fossilen Energieträger zum heutigen Baum aus Lignin und Zellulose?

Vergleichbar mit dem Archaeopteryx, kein Saurier mehr, aber auch noch kein richtiger Vogel aus Federn und weißem Fleisch?

Wohl kaum, denn mittlerweile habe ich noch weitere Kiefern mit den markanten Ringen aufgespürt. Also Augen auf beim nächsten Waldspaziergang. Mit etwas Glück und einer guten Portion Neugier gibt es zu jeder Jahreszeit Interessantes in der Natur zu entdecken.

Sagenumwobener Gesundmacher Schwarzer Holunder

Februar: Der stark verzweigte Schwarze Holunder (Sambucus nigra) wird bis zu sieben Meter hoch und gehört zur Familie der Moschuskrautgewächse. Er zählt zu unseren vielseitigsten Wildsträuchern und war früher praktisch die Apotheke der Volksmedizin. Der enthaltene Farbstoff Sambucyanin stärkt das Herz-Kreislauf-System und hilft gegen Erkältungen.

Die Beeren dürfen allerdings nie roh verzehrt werden, denn sie enthalten Pflanzengifte, die Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösen können. Aber die weißen Blütendolden eignen sich hervorragend zur Herstellung von Sirup, Marmelade, Gelee und Limonade. Meine Favoriten sind natürlich Holundersekt und Holunderwein. Schließlich möchte ich mir ein Leben ohne Alkohol, ohne Alkohol gar nicht vorstellen.

Der giftige Strauch ist bei mehr als 60 Vogelarten und einigen Dutzend Insekten sehr beliebt. Insektenfresser wie Mönchsgrasmücke und Grauschnäpper stellen im September, wenn die Früchte reifen, ihre Ernährung auf die kalorienreichen Früchte um.

Astansätze eines abgestorbener Schwarzen Holunders
Astansätze eines abgestorbener Schwarzen Holunders
Foto: Jürgen Eggers

In prähistorischer Zeit nutzen die Menschen den Schwarzen Holunder als Nahrungs- und Färbemittel. Die alten Germanen verwendeten die schwarzen Beeren als Färbemittel für Leder und Stoffe sowie für Haare. Zur Herstellung von Flöten sind mit Mark gefüllten Zweige bestens geeignet.

Die Vorstellung, dass im Holunder gute Geister wohnen, war bei Griechen, Römern und Germanen weit verbreitet. Aus Respekt vor den segensreichen Wirkungen hieß es sogar, beim Vorübergehen solle man vor dem Holunder stets den Hut ziehen. Damals wurde auch die Sitte begründet, den Holunder in der Nähe des Hauses zu pflanzen. Allerdings niemals unter dem Schlafzimmer, da der schwere, süßliche Duft der Blüten benommen machen würde.

Noch heute pflanzt man bei uns in ländlichen Gebieten Holunderbüsche an Scheunen. In Amerika wachsen sie auf vielen Friedhöfen zur Abwehr böser Geister. Habe ich etwa auf dem Foto einen weiblichen Geist auf einem Holunderstamm fotografiert?

Der ebenfalls existierende Holunder-Beiname „Baum des Teufels“ ist hingegen mit dem Christentum verbunden: Judas Iskariot soll sich nach dem Verrat an Jesus an einem Holunder erhängt haben. Daher trägt auch der Pilz Judasohr diesen merkwürdigen Namen, denn der wächst bevorzugt auf dem Holunderstrauch.

Wer Wind sät, wird Windbruch ernten

Februar: Die Geschwister „Ylenia“, „Zeynep“ und „Antonia“ sind echt windige und mächtig aufgeblasene Typen. Besonders der Rabauke Zeynep zeigt sich von seiner übelsten Seite und richtet am 17. Februar 2022 große Schäden in den Wäldern an. Ja, ich rede hier von den drei Winterstürmen, die kurz hintereinander das norddeutsche Tiefland heimsuchen und nicht artgerecht nach Skandinavien ziehen. Aufgrund der Erderhitzung werden sich solche extremen Wetterlagen in Zukunft leider häufiger einstellen.

In diesem Monat hat es viel geregnet. Das ist eine gute Nachricht, weil sich damit viel neues Grundwasser bilden kann. Allerdings litt dadurch auf der anderen Seite die Standfestigkeit der Bäume und die Stürme hatten leichtes Spiel diese zu entwurzeln. Tiefwurzelnde Laubbäume wie Buchen und Eichen sind viel standfester als Kiefern oder flachwurzelnde Fichten.

Die Dürre der vergangenen drei Jahre hat wohl zusätzlich den Wurzelbereich der Bäume geschwächt.

 

Wurzelballen einer umgekippten Kiefer
Wurzelballen einer umgekippten Kiefer
Foto: Jürgen Eggers

Die Älteren erinnern sich: Vor 50 Jahren, am 12.11.1972, verwüstete der Jahrhundert-Orkan „Quimburga“ vielen tausend Hektar Wald in Niedersachsen.

Etwas Positives lässt sich der spätwinterlichen Windesfülle aber doch noch abgewinnen: Der aufgeklappte Wurzelballen offenbart ohne schweißtreibendes Buddeln einer Schürfgrube den typischen Schichtenaufbau des Heidebodens. Also Humusauflage, gebleichter Auswaschungshorizont, Anreicherungshorizont und Sand als Ausgangsgestein fast bis zur Hölle …

Stadt-Land-Natur

März: So mancher Orts stolpert man über lustige Hinweise; manchmal sind die Schilder einfach nur in einer kuriosen Reihenfolge angebracht oder aber mit nicht ganz ernst gemeinten Hinweisen versehen: Wer hat diesen Vogel gesehen?

Eigentlich würde manch ein Mensch an dieser Stelle das Bild eines entflogenen Tieres vermuten, doch hier wird ein typischer Bewohner städtischen und ländlichen Lebensraumes gesucht! Sogar mit kleinen Abreißzettelchen! Darauf ist vermerkt: Ja, scheiße, die sind überall!

Wer hat diesen Vogel gesehen?
Wer hat diesen Vogel gesehen?
Foto: Kristina Basenau

Wie recht der Autor mit diesen Worten hat! Tauben sind tatsächlich Überlebenskünstler und sehr anpassungsfähig. In der Stadt wurden sie in früheren Zeiten oft zur Plage, da viele Menschen sie gerne fütterten. Heute ist es in vielen Städten nicht mehr oder nur an wenigen Stellen erlaubt, Tauben und andere Vögel zu füttern. Auch darf nur noch passendes Futter verwendet werden, damit die Tiere nicht krank werden.

Bei uns sieht es mit diesen behäbig wirkenden Vögeln schon anders aus: sie sind häufig nur als Paar unterwegs, haben oftmals feste Brutplätze und wenn die ersten Felder abgeerntet sind, treffen sie sich dann doch mal zu größeren Gruppen, um auf den Feldern Nahrung zu suchen. Die großen Gruppen bieten für alle Vögel einen besseren Schutz gegen Beutegreifer jeglicher Art.

Vielseitigkeit ist auch in der Tierwelt von Vorteil!

Natur erfahrbar machen

März: In vielen Städten gibt es tolle Parks, Gewächshäuser und Gärten, die als Erholungsraum dienen sollen. Oftmals sind es aber auch Orte der Begegnung mit der Natur und ihren reichhaltigen Facetten.

So auch die Botanica in Bremen. Mitten in einem der vielen Parks in Bremen gelegen, kann man dort so einiges erleben: Schmetterlinge beobachten, Orchideen bewundern, Koi-Karpfen füttern und sich auf übergroße, fleischfressende Pflanzen raufsetzen (getarnt als schmatzende Sessel).

Citrus medica „Maxima“
Citrus medica „Maxima“
Foto: Kristina Basenau

Imposant waren für uns bei unserem letzten Besuch allerdings die Zitronen! Dort konnten wir viele verschiedene Sorten kennenlernen. Von klein bis riesig war alles dabei! Eine Sorte kann bis zu 2 kg wiegen und wird zur Herstellung einer beliebten Backzutat, das Zitronat, genutzt.

Schon allein die Größe, die diese Zitrone in der Botanica erreicht hat, war sehr beeindruckend. In ihrer Heimat in Indien werden diese Früchte bis zu zwei Kilo schwer. Selbst mit beiden Händen konnten wir sie nicht umfassen! Und der Duft war einfach unbeschreiblich.

Schauen sie doch mal vorbei, wenn sie die Gelegenheit haben, nach Bremen zu fahren.

Baumblüten, die Unscheinbaren

April: Wer sammelt sie nicht gern und bastelt mit ihnen im Herbst? Kleine Eicheln, Kastanien oder Maroni.

Wo die Maroni eher in unseren Mägen ein Plätzchen finden, zieren doch so einige Figuren und andere Dekorationen im Herbst die Fensterbänke. Sie erinnern uns an das schöne Frühjahr und lassen uns die kurzen Tage besser aushalten. Wobei wir dann ja eher an die herrlichen Blütenstände der Rosskastanie denken, als an die unscheinbaren Blüten der Eiche.

Die Eiche gehört auch zu den Spätzündern unter den Bäumen. Ganze 60 bis 80 Jahresringe lässt sie sich Zeit bis sie das erste Mal Früchte wachsen lassen möchte. Kein Wunder also, dass man die Blüten (hiervon gibt es weibliche und männliche) eher selten wahrnimmt: Sie bilden sich nach so langer Zeit schon in für uns unerreichbarer Höhe und das auch nur alle 2 bis 7 Jahre!

Frisches Laub und Blüte einer Eiche
Frisches Laub und Blüte einer Eiche
Foto: Kristina Basenau

Allerdings hatte ich hier Glück und konnte diese hübschen männlichen Blütenstände an einer freistehenden Eiche mit ausladenden Ästen entdecken. Nach der Blüte lässt sich die Eiche wieder Zeit, denn ihre Früchte reifen erst im zweiten Jahr nach der Blüte aus.

Treffen wir uns doch im Herbst 2023 am Lönsstein bei Müden (Örtze)!

Und der Biber, der hat Zähne ...

April: Für den durchschnittlichen Menschen (Homo sapiens solala) dient der Wanderweg links der Örtze zwischen Müden und Poitzen lediglich zur Erholung in der Natur. Der Biber (Castor fiber) hat sich dagegen den Fluss als Lebensraum zurückerobert.

Wie es bei dem heimischen Großnager gelebte Tradition ist, nagt er solange mit seinen scharfen Vorderzähnen an Laubbäumen, die am Ufer wachsen, bis der Stamm einer Sanduhr ähnlich sieht. Schließlich gewinnt wieder einmal die Schwerkraft und der Baum stürzt um.

Jetzt kann sich Meister Bockert, wie er in der Sprache der Grünberockten genannt wird, an der saftigen Rinde stärken.

In einschlägigen Beschreibungen der Art wird dem dicht behaarten Tier eine Vorliebe für Weide, Erle und Pappel attestiert. Doch hier ignoriert der heimische Biber diese Nahrungsempfehlung. Hat er denn die Fachliteratur nicht gelesen?

Vom Biber gefällte Eiche
Vom Biber gefällte Eiche
Foto: Jürgen Eggers

Eine Eiche in Ufernähe mit einem Stammdurchmesser von mindestens 40 cm wurde fachgerecht abgenagt; die frisch abgeraspelte Schnittfläche ist weithin zu erkennen. Biber und Waldbesitzern wird daher ein angespanntes Verhältnis nachgesagt, während Angler mit dem Vegetarier wenig Probleme haben.

Oft verwechseln Laien den Biber mit der wesentlich kleineren Nutria. Dabei gehört die Nutria doch zur Familie der Stachelratten. Wie kann es da zu Verwechslungen kommen?

Biber galten im Mittelalter als beliebte Fastenspeise, denn sie zählten aufgrund ihrer Lebensweise mehr zum Reich der Fische, und Christenmenschen durften Biberfleisch in der Fastenzeit, mit kirchlicher Erlaubnis, verspeisen. Der Biberschwanz wurde damals als besonders „fischig“ angesehen. Und der Biberfisch, der hat Zähne ...

Baumläufer, Kletterkünstler

Mai: Habt ihr sie schon einmal hüpfen sehen? Gut getarnt nimmt man sie als Naturbeobachter meist erst wahr, wenn sie sich hüpfend am Stamm von Bäumen mit auffälliger, furchiger Borke aufwärtsbewegen. Dort suchen diese kleinen Gefiederkugeln mit dem langen Schwanz nach ihrer bevorzugten Nahrung: Larven, Käfer, Spinnen und Insekten. Im Winter verändert er seinen Speiseplan und sucht dann überwiegend nach Samen.

Eigentlich brüten diese flinken Kletterer in Baumspalten oder hinter loser Borke, aber dieses Paar hat sich im neuen Brutjahr die Spalten in einem alten Fachwerkhaus auserkoren. Bei jedem Nestbau hat es sich eine neue Spalte ausgesucht. Sind die Küken geschlüpft, geht der eigentliche Stress für die Eltern erst los: Futter, Futter, Nest säubern, Futter …

Gartenbaumläufer, Altvogel mit Futter
Gartenbaumläufer, Altvogel mit Futter
Foto: Kristina Basenau

Da das Paar sich überhaupt nicht stören ließ, konnten einige Bilder entstehen. Das laute Krakeelen der Jungvögel gab uns Beobachtern allerdings immer dann Rätsel auf, wenn wir die Vögel im Inneren der Scheune viel lauter hören konnten, als außerhalb bei der Beobachtung der Fütterung.

Leider konnten wir die versorgenden Elterntiere nur beim Füttern beobachten und nicht beim Ruf, denn der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) ähnelt seinem Verwandten, dem Waldbaumläufer (Certhia familiaris), im Aussehen so sehr, dass beide kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Bei Freilandbeobachtungen werden daher die Lautäußerungen herangezogen, um die beiden Arten auseinanderzuhalten.

Kuschelige Nutria-Schlafgemeinschaft

Mai: Der Regen vom Vortag verspricht ein herrliches Licht für frühlingshafte Landschaftsfotos am sehr frühen Morgen. Also noch vor Tau und Tag aus den Federn und auf nach Müden zur Wietze. Eigentlich habe ich es auf Flusslandschaften im Morgennebel abgesehen, doch vor Ort höre ich ein leises Brummen, das ich hier noch nie gehört habe.

Da auf einer kleinen Insel mitten im Fluss kauern sich vier Nutrias (Myocastor coypus) dicht aneinander. Der Schlafplatz sieht aus wie eine architektonische Kombination aus Krähen- und Storchennest.

Schlafgemeinschaft einiger Nutrias
Schlafgemeinschaft einiger Nutrias
Foto: Jürgen Eggers

Nach einigen Minuten wird es munter bei den ursprünglich aus Südamerika stammenden Nagern: Die Tiere schwärmen aus und erkunden ihr Revier. Da die sich überwiegend vegetarisch ernährenden Pelztiere durch Grabungen erhebliche Schäden am Flussufer anrichten können, werden sie bei uns konsequent bejagt. Ich habe sie an dieser Stelle auch nicht wieder gesehen. Schade eigentlich, oder?

Plunder gibt es immer wieder

Mai: Manche Dinge sind nur sehr kurz in Gebrauch, andere ziemlich überflüssig. Einmal-Becher aus Pappe für Kaffee zum Mitnehmen, die dünnen Plastiktütchen für Obst und Gemüse; sie landen schnell im Müll und viel zu oft auch in der Landschaft.

Ratgeber, die helfen unnütze Dinge auszusortieren verkaufen sich wie geschnitten Brot. Aber warum überhaupt Sachen kaufen, die man eigentlich nicht wirklich braucht? Nun ja, schließlich lebt eine ganze Industrie in unserer Überflussgesellschaft davon und traktiert uns mit penetranter Werbung zum Kauf.

Die Produktpalette ist vielfältig – wir haben die Auswahl zwischen: Tand, Zeugs, Kitsch, Nippes, Kokolores, Gedöns, Firlefanz, Krempel, Trödel, Schnickschnack, Geraffel, Zinnober, Krimskrams, Plunder, Stehrumchen und Staubeinchen.

Der Billig-Elektro-Versand Pearlverhökert elektrische Schuhtrockner und USB-Plasmakugeln. Bei Manufactum werden Ziegenhaar-Schallplatten-Bürsten und weiterer Schnösel-Bedarf für gutes Geld feilgeboten.

Übrigens: Der Duden definiert den Begriff Luxus nüchtern als „Kostspielige, verschwenderischer, den normalen Rahmen übersteigender, nicht erforderlicher, nur zum Vergnügen betriebener Aufwand.

Alter Luftballon in der Feldmark
Alter Luftballon in der Feldmark
Foto: Jürgen Eggers

Dieser in der Feldmark höchst deplatzierte Luftballon erfreute vielleicht nur wenige Minuten strahlende Kinderaugen auf einer Geburtstagsfeier. Jetzt verschandelt der schlaffe Sack aus unverrottbarem Glanzplastik die Landschaft und wird später gar zur Todesfalle für wildlebende Tiere.

Katja Ebstein landete 1970 beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ in Amsterdam mit ihrem Lied auf einem soliden 3. Platz. Ich habe zur bekannten Melodie einen alternativen Text zusammengereimt:

Plunder gibt es immer wieder,
heute oder morgen,
mußt du ihn entsorgen!

Plunder kriegt man bei Ikea,
Ebay oder Tedi,
brauchen tust du’s eh nie!

Plunder kommt aus fernen Ländern,
oft von Kinderhänden,
so darf es nicht sein!

Plunder landet an den Stränden,
läßt Tiere verenden,
qualvoll Stund um Stund!

Plunder bitte nicht verschenken,
lieber an die denken,
die du wirklich magst!

Plunder viel zu oft gesehen,
laß’ ihn einfach stehen,
hinten im Regal!

Aber wo kriegt man die wirklich nützlichen Sachen? Ich brauche dringend:

1. Einen Kugelschreiber mit Autokorrektur und Schönschreib-Modus

2. Ein Gesellschaftsspiel, wo man auf mehreren Zetteln Zahlen reinschreiben, was ankreuzen und durchstreichen kann. Am Ende hat der Sieger seine Steuererklärung gemacht.

Wer nennt mir seriöse Bezugsquelle?

Wozu brauchen Blindschleichen eigentlich Augen?

Mai: Es ist warm und leicht schwül an diesem Sonntag. Auf einem Streifzug durch die Natur entdecke ich einige Meter vor mir auf dem Waldweg eine goldbraun glänzende Blindschleiche (Anguis fragilis).

Vorsichtig nehme ich meine Kamera aus dem Rucksack, lege mich auf den Waldboden und arbeite mich langsam an die beinlose Echse heran. Zwischenringe hinter dem Normalobjektiv ermöglichen Nahaufnahmen ohne teure Makroausrüstung. Allerdings muss ich dafür dem Tier mit den Dimensionen einer langen Makkaroni sehr dicht auf die Pelle rücken, ohne es dabei in die Flucht zu schlagen.

Erst als der Abstand zum kleinen Kopf weniger als 5 cm beträgt, kann ich auf das winzige Auge scharfstellen. Moment mal: Wozu brauchen Blindschleichen eigentlich Augen? Lösung: Sie sind überhaupt nicht blind! Der Name führt in die Irre; schon der Gattungsname Anguis, lateinisch für Schlange, ist ziemlich daneben.

Züngelnde Blindschleiche
Züngelnde Blindschleiche
Foto: Jürgen Eggers

Zu meiner Pein nutzen Stechmücken die erzwungene Bewegungslosigkeit sofort aus. Erst dringt ein verdächtiges Surren in meine Ohren, dann einige Sekunden Stille und schließlich ein stechender Schmerz an der linken Wange. Autsch! Die weibliche Mückenschaft ernährt sich vampirisch und zapft mir einige Milliliter Blut als Kraftnahrung zur Entwicklung ihrer Eier ab. Für ein paar gute Naturfotos zahle ich diesen Preis.

Die Blindschleiche gleitet wenig später, ungestört durch mein Treiben, in die krautige Vegetation. So soll es sein!

Blindschleichen ernähren sich hauptsächlich von Regenwürmern und Nacktschnecken. Im Gemüsegarten dürften sie jederzeit willkommen sein. Weil sich die ungiftigen Reptilien gern auf Asphalt aufwärmen, werden sie leider oft totgefahren. Also bitte immer mit ein paar Metern Vorsicht los radeln!

Wölfe im Gepäck

Juni: Manchmal kann man gar nicht so viel Schauen wie es Entdeckungen gibt. Auf dem Baum, im Baum, in der Luft, in der Wiese, auf dem Weg, am Wegesrand, im Garten ... – die Liste lässt sich noch beliebig fortführen. Dieses Mal war es wieder eine Bewegung auf dem Boden, die uns innehalten ließ:

Eine Spinne erregte unsere Aufmerksamkeit. Sie wirkte auf uns etwas unförmig und als würde sie einen dicken Pelz tragen. Bei genauerer Betrachtung trug sie etwas anderes auf ihrem Leib. Können sie es erkennen? Es sind ihre Kinder! Und davon hat sie eine ganze Menge.

Wolfsspinne mit Nachwuchs huckepack
Wolfsspinne mit Nachwuchs huckepack
Foto: Kristina Basenau

Wolfsspinnen (Lycosoidea) beeindrucken besonders durch ihre Brutfürsorge. Sie heften ihren Eikokon an ihre Spinnwarze und tragen ihn immer mit sich herum. So ist die Nachkommenschaft am besten vor Feinden geschützt. Wolfsspinnen helfen ihrem Nachwuchs beim Schlüpfen, indem sie den Kokon aufbeißen.

Gleich danach klettern die Minispinnen auf den Rücken der Mutter und lassen sich umhertragen. Während sich bis zu hundert kleine Wolfspinnen an den Haaren der Mutter festhalten, oft in mehreren Lagen übereinandersitzend, verzichtet die Wolfsspinne auf die Jagd, um Gefahren aus dem Weg zu gehen. Diese Mutter hatte es auch sehr eilig wieder ins hohe Gras am Rande des Weges zu flüchten.

Schon gewusst? Spinnen reagieren sehr empfindlich auf Schwankungen in der Umwelt. Die zahlreichen Arten haben sehr unterschiedliche Lebensraumansprüche. Dadurch ist es möglich, selbst geringfügige Veränderungen der Umwelt am Verhalten der Spinnenfauna zu erkennen.

Die Sehnsüchte des Menschen

Juni: Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat sich mit den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen auseinandergesetzt und zu seiner Zeit die Bedürfnispyramide entwickelt, welche bis heute ihre Gültigkeit in der Welt der Medizin hat. Oft wird sie abgewandelt, vereinfacht oder als Parodie o.ä. genutzt, aber egal wer sie wie anwendet: immer bringt sie den Betrachter zum Nachdenken über sich und seine Umwelt.

Manchmal passiert es sogar, dass jemand die eigenen Bedürfnisse auch anderen Menschen zugänglich macht und damit ein Lächeln, Nähe, Gefühle von Überraschung, Liebe oder Miteinander auslöst:

Kusshaltestelle
Kusshaltestelle
Foto: Kristina Basenau

Danke an den aufmerksamen Menschen, der dieses Schild aufgehängt hat! Es ist zwar etwas versteckt, aber wer weiß, wie viele Menschen es schon erfreut hat?

Wo es zu finden ist? Das verrate ich nicht! Aber vielleicht entstehen ja auf diesem Wege weitere Haltestellen: von Kusshaltestelle bis Begegnungshaltestelle, von Gesprächshaltestelle bis Lachhaltestelle; ich kann mir noch so einige mehr vorstellen, die wir in der heutigen Zeit dringend gebrauchen können.

Wer kann sich vorstellen, mit uns welche zu gestalten?

Gut leben mit Zukunft

Juli: 30 Minuten sollten es sein: woran erkenne ich den Klimawandel bei uns in der Region… „puh, wie verpacken?“ war also meine Aufgabe. Bildung für Nachhaltige Entwicklung in Kürze.

Zusammenfassen und anschaulich machen für eine Gruppe interessierter Menschen. Recherche, ein Gang über das Gelände des Treffpunktes und gute Fragen von der Gruppe Radbegeisterter. So sind 30 Minuten sehr schnell vorbei! Und es hätte gerne mehr Zeit sein können.

Vieles ist den meisten Menschen schon bekannt, oft fehlt nur der Hinweis zu der Verbindung oder wie die Kreisläufe der Natur sich gegenseitig beeinflussen. Anschaulicher als am Ort des Geschehens geht es kaum. Wenn dann noch alle Sinne, z.B. Fühlen und Riechen genutzt werden können, umso nachhaltiger bleibt Wissen abrufbar und verknüpfbar mit neuen Informationen.

Waschbär als Neuling bei uns
Waschbär als Neuling bei uns
Foto: Kristina Basenau

Jede Erfahrung macht uns reicher, neugierig auf noch mehr Wissen, manchmal macht mehr Wissen auch Sorgen. Viele Menschen sind daher auch heute noch nicht gut über den Klimawandel informiert. Doch es gibt auch in der heutigen Zeit noch Hoffnung. So viele Projekte zum Klimaschutz sind mittlerweile vernetzt und versuchen gemeinsam Stabilität zu erreichen.

Für alle, die etwas mehr Hoffnung brauchen:

Projekte für den Klimaschutz:

Stichwort „Tatenbank“ auf www.umweltbundesamt.de

Wissenswertes zum CO2-Fußabdruck auf www.ardalpha.de

oder als Buch zum Selber aktiv werden: Vier fürs Klima von Petra Pinzler und Günther Wessel

Mir machen diese Dinge auf jeden Fall Mut, positiv in unsere Zukunft zu schauen.

Es geht weiter ...

Weitere Naturentdeckungen folgen alle paar Monate, sobald sie erlebt, fotografiert, aufgeschrieben, recherchiert, umgeschrieben, getextet, diskutiert, gegengelesen, korrigiert und lektoriert sind.

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