Mordfliege, Waldameise und Co. – Fundstücke des Jahres 2024

Kristina Basenau und Jürgen Eggers – NABU Hermannsburg/Faßberg e.V.

Böse Zungen behaupten: „Auf dem Land ist doch nix los!“. Noch bösere Zungen legen noch eine Schippe drauf: „Und es wird sich auch nie nichts ändern!“. Okay, in den wuseligen Großstädten gibt es von allem mehr: Mehr Tankstellen, mehr Autoabgase, mehr Werbeplakate, mehr Spielotheken, mehr Hundehaufen und mehr Lärm.

Wer zwischen Düsseldorf und Köln wohnt, kann tagein und tagaus der „Rheinischen Brandung“ lauschen. Anders als an den Küsten von Nord- und Ostsee sorgen hier nicht Wasserwellen für das Dezibel-Getöse, sondern Autos und Lastwagen, auf den stets naheliegenden Autobahnen.

Bei uns in der Südheide ist die nächste Autobahn meilenweit entfernt. Allerdings versorgen uns an Schönwetter-Wochenenden schwarzbelederte und schutzbehelmte Fahrtwindjunkies auf ihren chromblitzenden Knatterböcken mit reichlich Krach und Gestank, wenn sie über kurvige Landstraßen zur nächsten Eisdiele brettern.

Aber sonst ist es in unseren „Oasen der Stille“ so leise, dass man seinen eigenen Herzschlag hören kann. Und wer genau hinschaut, entdeckt Erstaunliches in Feld, Wald und Flur.

Manchmal erleben wir auf unseren Touren regelrechte Krimis, Mordfälle und Raubzüge. Die Natur ist nicht nur ein Ort der Entspannung: Täglich gibt es Kriege, Morde und andere Krimis. Tollwütig erscheinende Bäume, Ameisenkriege um den begehrten Zuckersaft, Raubfliegen messen sich mit Jagdspinnen, wer wohl der effektivste Beutegreifer ist.

Also schnell die Wanderschuhe schnüren, Proviant in den Rucksack und raus in die Natur, wo die kleinen Entdeckungen jeden Spaziergang zum Erlebnis machen.

Zwei Personen stehen neben einer großen Pappel mit Farnzweigen in den Händen
Jürgen Eggers und Kristina Basenau
Foto: Jürgen Eggers

Regen, viel Regen und noch mehr Regen ...

Januar: Von Oktober bis Anfang Januar zeigte sich der Himmel meist trüb im Farbspektrum von asch- über blei- bis schiefergrau. Die jeweils diensthabenden Tiefdruckgebiete mit so gewöhnlichen Namen wie Wolfgang, Knud und Bruno schaufeln unablässig triefnasse Regenwolken über den Atlantik in unsere Gefilde. Hier angekommen, können sie ihr Wasser nicht halten und regnen ab. Graupel, Hagel, Eisregen und Schnee sorgen für ein wenig Abwechslung.

Während im Jahr 2022 bei uns nur 570 mm Niederschlag registriert wurden, waren es im vergangen Jahr 1050 mm, was einer bemerkenswerten Steigerung um 84 % entspricht. Ein Vergleich veranschaulicht die trockene Statistik: Otto Normalverbraucher (178 cm, 72 kg, IQ 100) stünde das Wasser 2022 bis zu den Kniegelenken, 2023 bis zum Bauchnabel.

Während von April bis September ein Großteil des Regens schnell ungefragt verdunstet, füllt er im Winterhalbjahr die Grundwasservorräte kräftig auf. Die Wassermassen der vergangenen Monate haben die Böden jedoch komplett gesättigt und fließen nun oberirdisch ab. Ergebnis: Flüsse treten über die Ufer und überfluten die Talauen. Bei einem Waldspaziergang durch das Tal der Wietze oberhalb von Müden (Örtze) fädelt sich allmählich ein glucksendes Plätschern in unsere Ohren. Der Randgraben der Feuchtwiese ist zu einem quicklebendigen Bach angeschwollen. Ein schöner Anblick!

Das Hochwasser der Wietze fließt quer durch eine Baumreihe mit Erlen über eine Wiese
Hochwasser überflutet eine Wiese
Foto: Jürgen Eggers

Für ungünstig gelegene Haushalte bedeutet Hochwasser hingegen Ärger mit vollgelaufenen Kellern und Mühe mit notwendigen Abpumpaktionen. Überall an den Wohnstraßen liegen Schläuche, die das Wasser in die Gullys der Kanalisation entsorgen. In Hermannsburg und Umgebung sind wir dank der naturbelassenen Flüsse und Bäche von größeren Schäden verschont geblieben.

Bekanntlich sind die drei wichtigsten Kriterien zur Bewertung von Immobilen Lage, Lage und Lage. Es ist daher keine gute Idee ist, sein Eigenheim in Straßen mit so verdächtigen Namen wie z.B. „In den Baarwiesen“ hin zu mörteln.

Neben einer leistungsstarken und für den Dauerbetrieb geeigneten Pumpe sollte dann auch ein Schlauchboot den Fuhrpark ergänzen. Ist das nächste Haus dann noch mehrere hundert Meter entfernt, ist eine Investition in einen Außenbordmotor angeraten, um die gewohnten Mobilitätsansprüche zu gewährleisten.

Kunstfertige Spezialisten

Januar: In den warmen Monaten kann man die Radnetze der Kreuzspinne leicht entdecken, besonders wenn sich Tautropfen darauf gesammelt haben. Doch in den kalten Monaten gelingt es diesem besonderen Jäger sich ebenfalls gut zu tarnen. Fast hätten wir dieses Prachtexemplar in dem trockenen Grasbüschel übersehen.

Ihre acht Beine, die bei manchen Menschen ein starkes Ekel- oder Angstgefühl hervorrufen, hatte sie wohlgeordnet in Position gebracht um gut getarnt an diesem Halm auszuharren. Als Meister der Kunstfertigkeit kann die Kreuzspinne zum Teil recht imposante Netze bauen. Zwischen zarten Grashalmen wartet sie dann mal direkt mittig auf ihrem Netz oder gut versteckt auf sorglose Insekten.

Eine Kreuzspinne lauert mit nach vorne gestreckten Beinen in einem trockenen Grashalm auf Beute
Kreuzspinne lauert auf einem trockenen Halm
Foto: Kristina Basenau

Viele Menschen wissen heute schon, dass Spinnentiere mit zu den wichtigsten Tieren unserer Ökosysteme gehören. Doch hätten sie das gewusst? Hochgerechnet auf die Menge Insekten, die eine Spinne pro Jahr verdrückt, käme allein in Deutschland eine 10 – 15 cm hohe Schicht aus Insekten zusammen, wenn wir keine Spinnen mehr hätten. Zudem wäre unsere Luft mit so vielen Insekten angefüllt, dass wir große Schwierigkeiten hätten sie nicht ständig einzuatmen.

Spinnen sind außerdem Spezialisten in Sachen Lebensraum. Jede Art hat ganz spezielle Wünsche an ihr Habitat: viel oder wenig Feuchtigkeit, viel oder wenig Licht, hoher Bewuchs, und noch einiges mehr. Somit sind sie eng an ihren Wohnplatz gebunden. Sie dienen damit bei der Erfassung von Lebensräumen als Indikator für einen guten ökologischen Zustand ihres jeweiligen Lebensbereiches und geben dem Naturkundler auch Auskunft über die Umweltfaktoren des Standortes. Mit ihrer Hilfe konnten schon naturschutzbezogene Fragen ausgewertet werden, wie etwa Erfolge von Renaturierungsmaßnahmen oder der Einfluss von Pflanzenschutzmitteln.

Die Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus) gehört zur Gattung der echten Radnetzspinnen, was man auf dem Bild auch gut an den Borsten der vorderen Extremitäten sehen kann. Diese Familie baut zumeist wagenradförmige Netze. Aber wie immer in der der Natur: es gibt auch hier Ausnahmen. Interessant ist die Entstehung der namensgebenden Punkte: Es sind Stoffwechselprodukte die unter dem Panzer abgelagert werden.

Alle Kreuzspinnenarten tragen ein solches Muster, doch ist das Kreuz nur bei der Gartenkreuzspinne und der Vierfleckkreuzspinne erkennbar. Die Sumpfkreuzspinne ist wesentlich hübscher anzusehen, doch leider werden die wenigsten von uns ein Exemplar finden, da diese Art als gefährdet eingestuft wird.

Die gefürchteten Kunsthandwerker Buchdrucker und Kupferstecher

Februar: Mit diesen Berufsbezeichnungen schmücken sich kleine Borkenkäfer, die zur Unterfamilie der Rüsselkäfer zählen, obwohl da nirgendwo ein Rüssel aus dem Körper baumelt. Buchdrucker (Ips typographus), Kupferstecher (Pityogenes chalcographus) und andere Borkenkäfer bohren sich gerne durch die Rinde von Fichte und Kiefer, um darunter Brutgänge für ihre Nachkommen anzulegen.

Larven und Jungkäfer fressen sich einige Wochen später zwischen Borke und Splintholz durch die leckere Bastschicht des befallenen Baumes. Dabei durchtrennen sie die Leitungsbahnen, welche die Baumwurzeln mit den in den Nadeln gebildeten Nährstoffen versorgen. Bei starkem Befall wird außerdem der Wassertransport in die Kronen unterbunden und der Baum stirbt ab.

Rot verfärbte Kronen oder Haufen grüner Nadeln am Waldboden sind ein untrügliches Zeichen für befallene Bäume im Todeskampf. Gesunden Bäumen gelingt es durch Absonderung von Harz den Insektenangriff abzuwehren, solange die Attacke nur von wenigen Käfern ausgeht.

Dürre und Hitze der vergangenen Jahre haben aber die Wälder empfindlich geschwächt und anfällig für Borkenkäfer gemacht. Die Käfer vermehren sich unter solchen Umweltbedingungen massenhaft und auch gesunde Bäume können dann den Großangriff nicht abwehren und sterben ab.

Viele gewundene Fraßgänge von Larven eines Borkenkäfers durchziehen die Innenseite einer abgelösten Fichtenrinde
Fraßgänge des Buchdruckers in Fichtenrinde
Foto: Jürgen Eggers

Die Forstwirtschaft versucht meist die Käferplage durch Kahlschlag der betroffenen Bestände einzudämmen. Das befallen Holz ist allerdings durch eindringende Pilze verfärbt und taugt dann nur noch als billiges Brennholz. Von den 79 Mio. m³ geschlagenen Holzes im Jahr 2022 waren 27 Mio. m³ durch Insektenbefall verursacht.

Mutter Natur empfiehlt die biologische Schädlingsbekämpfung: Dreizehenspecht, Ameisenbuntkäfer und Waffenfliegen mögen die Käferlarven zum Fressen gern. Eine Massenvermehrung der Borkenkäfer kann so eventuell verhindert werden. Darum ist es wichtig den Lebensraum für diese Waldpolizei zu schützen.

Übrigens: Zur Bekämpfung im Holz brütender Insekten wird liegendes Stammholz bisweilen mit Gift besprüht! Also bitte nicht auf den Holzpoltern herumklettern! Warum stehen an solchen Lagerplätzen eigentlich keine Warnschilder?

Gans reiselustig …

Februar: In manchen Jahren beginnt das Frühjahr ungewöhnlich mild, die Zugvögel kommen früh wieder und als Waldläufer kann man wunderbar die Flugformationen der Singschwäne, Kraniche und Gänse betrachten. Dem geübten Vogelkundler fliegen an Hand von Silhouette, Rufen und Formation schon viele Informationen über die jeweilige Vogelart zu. Schon allein die Rufe der Vögel sind ein wichtiges Merkmal zur Bestimmung.

Doch auch das Flugverhalten und die unterschiedlichen Routen zeigen dem Naturbeobachter, dass der Frühling schon in den Startlöchern steht. Die Gänse haben ihr Zugverhalten an die milden Temperaturen und somit an das Nahrungsangebot angepasst. Einige Gruppen ziehen zum Teil nur noch bis nach Süddeutschland, wenn das Nahrungsangebot nicht mehr für die Gruppe ausreicht.

Ihre Flugformation ist sehr ausgeklügelt: nur die erste Gans benötigt ihre ganze Energie; die nachfolgenden Tiere fliegen daher im Windschatten und können so ein Drittel ihrer Kraft einsparen. Natürlich wird sich immer wieder abgewechselt. Eine Strecke von bis zu 1000 km pro Tag ist mit dieser Strategie möglich. So reisen sibirische Gänse bis zu 6000 km zu ihren Winterquartieren in Europa. Manche Gänsepaare finden auch dichter an ihren Winterquartieren einen neuen Platz ihre Kinder großzuziehen wie hier an den Kiesteichen in Oldendorf.

Neun Graugänse fliegen tief über die Landschaft vor einem Birken- und Kiefernwald
Graugänse an den Oldendorfer Kiesteichen
Foto: Kristina Basenau

Hausgänse haben das Zugverhalten abgelegt, da sie im Laufe ihrer Domestizierung seit der Bronzezeit ihre Flugfähigkeit eingebüßt haben. Sie werden auf vielen Höfen als Wachtiere eingesetzt. Ihr garstiger und renitenter Charakter macht sie zu beliebtem, unbestechlichen Wachpersonal. Das Risiko ist allerdings, dass sie ungebetene Gäste nicht sehr freundlich begrüßen und mit Schnabelattacken vertreiben wollen. Wenn der „Eindringling“ in akzeptabler Entfernung ist, warnen die Hausgänse erst mit verschiedenen Rufen, Schnarren und Fauchen.

Ganz anders sind da die verschiedenen Gänse, die sich jetzt wieder auf die Rückreise zu ihren Brutgebieten machen: die Graugänse (Anser anser) unterhalten sich fast die gesamte Zeit, wogegen die Bläßgans ein eher ruhiger Kandidat ist und während des Fluges eher verhalten ruft.

Auch in unseren Sprachgebrauch hat das Wort „dumme Gans“ Eingang gefunden. Wobei das Wort „Dumm“ hier nicht passt, denn die Hausgans wird ja als garstiger und renitenter Charakter als Wachtier eingesetzt. Vielleicht sollten wir die Anwendung dieser Schmähung demnächst passender anwenden …

Dazu passt ein Gedicht, dass Wilhelm Busch von einem nachgeborenen Ghostwriter untergejubelt wurde:

Die Gans auf des Raben Hofe
Im Weichbild einer friedvollen Provinz dereinst ein Rabe hielt Hofe, fürstlich wie ein Prinz.
Reisenden mit Pferd, Esel und anderem Getier er selbstredend bot Unterkunft und sicheres Nachtquartier.
Hierfür am Tage und auch zur Nacht, eine bockbeinig watschelnde, scheel glotzende Gans hielt Wacht.
Das garstig Federvieh dank kalter Elektroaugen Macht, Anwesen nebst Stallungen stets im Blicke hat.
Angefaucht und attackiert mittels Schnabelhiebe sie daselbst verjagt die eignen Gäste, nicht nur Eierdiebe!
Solch frevelhaft Betragen ward dem Raben bald verdrießlich, die Gans verschwand dann schließlich ...

Ähnlichkeiten mit dies- oder jenseitigen Gänsen oder gänseartigen Zweibeinern beiderlei Geschlechts wären rein zufällig, aber nicht unmöglich.

Es geht weiter ...

Weitere Naturentdeckungen folgen alle paar Monate, sobald sie erlebt, fotografiert, aufgeschrieben, recherchiert, umgeschrieben, getextet, diskutiert, redigiert, gegengelesen, lektoriert und korrigiert sind.

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